Die Colloquien über Fragen der Hermeneutik, die E. Castelli 1961 in Rom begann und die bisher in jedem Jahr weitergeführt wurden, haben nicht nur die Frage der Entmythologisierung, die den Anlaß gab, zu anderen Problemkreisen hin über-schritten. Sie haben der Theologie aller Konfessionen den Dienst erwiesen, die Konfrontation der christlichen Botschaft mit der Welt für den Bereich zu bedenken, in dem sie entscheidende religiöse Probleme zeitigt: das Gegenüber zu den Weltreligionen. Dafür kommt Raymond Panikkar ein entscheidendes Verdienst zu. Er insistierte darauf, daß es nicht nur darauf ankommt, die christliche Botschaft zu verstehen, sondern auch, das Gegenüber, die andere Religion zu verstehen. Seine Beiträge zu den Colloquien waren stets auf dieses Gegenüber ausgerichtet.
In den vorliegenden Aufsätzen, deren Sammlung Bettina Bäumer besorgte, geht es um dieses doppelte Bemühen des Verstehens. Panikkar bemüht sich, zu zeigen, daß das Verstehen des Evangeliums in der Begegnung mit der religiösen Welt des Hinduismus bei dem Bemühen um dessen Verstehen gewinnt, vertieft wird. Es handelt sich nicht nur um die Aufgabe der Übersetzung, oder wenn man die Aufgabe so bezeichnen will, dann muß es dem Übersetzer wesentlich und zuerst darum gehen, den zu verstehen, dem er das Evangelium übersetzen will (vgl. das anschauliche Beispiel in Panikkars Beitrag: Die Ummythologisierung in der Begegnung des Christentums mit dem Hinduismus, Kerygma und Mythos VI, 1; 1963, S. 216). In diesem Buch zeigt Panikkar auf, wie dies geschehen kann. Der Ansatz, der durch alle Beiträge durchgezogen wird, wird gleich am Anfang genannt: „Das Wesen des christlichen Kerygmas besteht nicht so sehr darin, daß es eine Verkündigung ist, sondern daß es einen Verkündiger kundgibt” (S. 8). Dies versteht er streng in dem Sinne, in dem Luther es als die Aufgabe der Christen bezeichnet hat, dem anderen ein Christus zu werden. Damit wird sichtbar, was auf den römischen Colloquien bereits als erregende These genannt wurde, daß es nicht so sehr um Orthodoxie, sondern um Orthopraxie bei einer Begegnung des Evangeliums mit Indien gehe.
Weil die Wahrheit des Christentums Christus als Person ist, geht es darum, daß in dem praktischen Handeln der Christen, in deren Lebensvollzug Christus als Person lebendig wird, so daß Er dem Hindu begegnet.
“Man kann den Glauben nicht »haben«, sondern ihn nur verwirklichen, vergegen-wärtigen” (S. 85). Dieser Satz dürfte über die Grenzen der Konfessionen hinweg eine Erkenntnis bieten, die auch dann theologisch der Botschaft des Neuen Testaments entspricht, wenn sie von daher gewonnen ist, daß der Hinduismus derart nach dem Leben der Christen mehr fragt als nach ihrer Lehre.
Damit soll die Grenze, die dennoch zwischen dem katholischen Theologen und seinem nichtkatholischen Partner besteht, nicht verwischt werden. Sie wird etwa dort sicht-bar, wo Panikkar von anderen Religionen nicht unterschieden von der Religion Israels redet (S. 102 ff.), für die Jahwe nur das ausschließliche Idol war gegen die anderen abgesetzt, aber auf der gleichen Ebene. Kann zwar “keine Konkurrenz bestehen zwischen den Kühen der Wiese und den Fischen des Meeres” , so wäre zu fragen, ob Israel nicht gerade zu entscheiden hatte, was es sein wollte.
Es geht um das gleiche Problem, wenn Panikkar fragt, ob man sich eine Religion vorstellen kann, die einzig auf unserer „Beziehung” zur Gottheit beruht. Sicher kann man dies nicht. Aber wird nicht gerade damit der fundamentale Unterschied des Evangeliums für Israel und die Christenheit sichtbar, daß es ausschließlich diese Beziehung Gottes zu seinem Volk, seiner Gemeinde verkündigt? Allerdings wird dann gerade die Forderung um so eindringlicher, diese Beziehung zu leben, anstatt sie nur zu beschreiben und zu lehren.
In dieser Forderung wird das sichtbar, was die Christen aller Konfessionen gemeinsam angeht. Gerade der evangelische Theologe wird darum dem Verfasser dankbar sein, der ihm in diesen Aufsätzen nicht zuerst ein Stück theologischer Arbeit bietet. sondern in dem Engagement, das aus jedem Satz spricht, dieses Leben im Vollzug erfahren läßt.
Für die Übersetzung der Beiträge, soweit der sprachgewandte Autor sie nicht selbst in deutscher Sprache konzipierte, ist Bettina Bäumer verantwortlich, der der besondere Dank gilt. Den Aufsatz „Das Verhältnis der Christen zu ihrer nicht-christlichen Umwelt” übersetzte mein Assistent Herr Reinhold Leistner aus dem Englischen.